Versöhnung über Zeit, Generationen und Völker hinweg

Von der Begeg­nung zweier Frauen – ein­er jun­gen Schle­sierin und ein­er alten sude­tendeutschen Deutschen –, deren Schick­sale durch Hass und die Schreck­en des Zweit­en Weltkriegs geprägt wur­den.
Die Begeg­nung fand am 8. Juni 2025 in Regens­burg am Infor­ma­tion­s­stand der Ini­tia­tive Ver­söh­nung Bruntál/Freudenthal auf dem 75. Sude­tendeutschen Tag statt.

Sie kam erst ganz am Ende. Eine ele­gante Dame in einem schick­en Plaid. Nach­dem sie sich umge­se­hen hat­te, stellte ich ihr die höfliche Frage, woher sie komme. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie erzählte von Prag, vom 8. Mai 1945. Worte und Gedanken flossen schnell und unaufhalt­sam dahin. Ich kon­nte kaum alle Details der achtzig Jahre alten Ereignisse wahrnehmen. Deutsche Worte drangen aus dem Mund der Frau zu mir, die mich direkt durch ihre runde Brille mit gold­en­em Gestell ansah. Ihr Haar war per­fekt frisiert und mit einem dezen­ten Haar­reif zusam­menge­bun­den. Zwei gewellte Sträh­nen umrahmten leicht ihr Gesicht. Augen und Lip­pen waren präzise geschminkt. Aus der Ferne hätte ich ihr kaum mehr als fün­fzig Jahre gegeben, aber nach meinen schnellen Berech­nun­gen musste sie über achtzig sein.

Den 8. Mai hätte sie eigentlich nicht über­leben dür­fen. Die Ereignisse über­schlu­gen sich, und der Strom des Has­s­es war zu schnell. Die Deutschen wur­den damals aus dem Fen­ster gewor­fen. Ihr und ihrer Mut­ter hätte das­selbe Schick­sal bes­timmt sein sollen – doch wie durch ein Wun­der entka­men sie ihm. Sie flo­hen. Über die Gren­zen ihres eige­nen Lan­des und ihrer eige­nen Kräfte hin­aus. Sie mussten, um zu über­leben.
Und dann über­lebten sie weit­er. Ungeliebt in einem frem­den Land. Von der Prager Noblesse in absolute Armut, von den gesellschaftlichen Salons in den Stall.

Mit­ten in all diesen aus­ge­sproch­enen Para­dox­ien streck­te sie mir ihre Hand ent­ge­gen. Ich ergriff sie sofort. Sie hielt mich so fest, wie mich schon lange nie­mand mehr gehal­ten hat­te. „Zur Ver­söh­nung“, sagte sie selb­st­be­wusst. Mit einem tiefen Blick sah ich sie an. Unsere Hände blieben ver­bun­den. Es war nicht nur ein flüchtiger Moment. Damit wir bei­de die Bedeu­tung der Worte und des Augen­blicks tief in uns aufnehmen kon­nten und sie nie vergessen wür­den. Die hochkochen­den Emo­tio­nen weck­ten in ihr erneut den Strom alter Erin­nerun­gen, und eine neue Erzäh­lung begann. Der Weg zur Ver­söh­nung hat näm­lich eine lange Geschichte und führt über viele Schlaglöch­er. Aber jet­zt ste­hen wir hier zusam­men, kurz vor dem Ziel.

Auch ich erin­nere mich still. Meine Groß­mut­ter ist eine großar­tige Erzäh­lerin. Ich erin­nere mich an meine Kind­heit und die immer wieder erzählte Geschichte über meinen Großonkel Oswald, den einzi­gen Sohn von fünf Kindern. Meine pol­nis­chen Vor­fahren waren gezwun­gen, die deutsche Staat­sange­hörigkeit anzunehmen, um nicht nur ihr Ver­mö­gen zu ret­ten, son­dern auch, um nicht zur Zwangsar­beit nach Deutsch­land ver­schleppt zu wer­den.
Oswald musste jedoch anschließend der Wehrma­cht beitreten. Er musste für eine Nation kämpfen, zu der er eigentlich nicht gehörte. Er war noch sehr jung. Und er fiel.
Sein Vater sprach nie darüber. Der Schmerz über den Ver­lust seines einzi­gen Sohnes war zu groß. Meine Groß­tante Marie unter­schrieb nicht. Sie wollte Polin bleiben. Das kostete sie fast das Leben. Sie musste zur Zwangsar­beit nach Deutsch­land. Sie durfte zurück­kehren. Und sie fand ein völ­lig geplün­dertes Haus vor. Sie musste von vorne begin­nen, mit angeschla­gen­er Gesund­heit und einem lebenslan­gen Trau­ma.
Diese schmerzhaften Kriegser­fahrun­gen erre­icht­en auch meine Ohren, die dritte Nachkriegs­gen­er­a­tion. Es ist, als wür­den die alten Geschicht­en nun in neuen Far­ben und Kon­turen wieder zum Leben erweckt. Es ist schließlich auch meine Geschichte, die Geschichte mein­er Fam­i­lie, mein­er Vor­fahren, meines Volkes. Auch uns hat es viel Schmerz, Ver­luste und Trä­nen gekostet. Auch wir haben etwas zu vergeben.

Der Händ­e­druck lässt langsam nach und das Gespräch ver­s­tummt. Ich möchte dieser Frau gerne etwas schenken, und ich greife nach dem bedruck­ten Papi­er, das vor mir auf dem Tisch liegt. Eine Bitte um Verge­bung, für mich, für uns, für die Tschechen, für alles, wom­it wir dem deutschen Volk Schaden zuge­fügt und ihm Tod und Leid gebracht haben. Ich über­re­iche ihr diese Erk­lärung schwarz auf weiß. Sie neigt san­ft den Kopf, und ich sehe, wie Trä­nen über ihre Wan­gen laufen. Und wieder beschreibt sie all die Schreck­en und Lei­den der Nachkriegs­jahre.
Wir ste­hen da und weinen zusam­men. Wir weinen über das Elend der Welt, über die Deutschen, über die Tschechen, über vergebene Leben, über den Tod, die Vertrei­bung, das Lei­den, den Hass, über all die verz­er­rten Ide­olo­gien der Welt, die den Tod säen. Ich fasse sie an den Schul­tern, als Aus­druck gegen­seit­i­gen Ver­ständ­niss­es für diese unge­heure Last. Wir umar­men uns als Zeichen dafür, dass wir diese Last gemein­sam tra­gen. Tschechen und Deutsche. Es ist unsere gemein­same Geschichte. Eine Geschichte von Hass, Verge­bung und Versöhnung.

Pavlí­na Lakomá

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